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Freizeitberuf: Schattenarbeiter

Freizeitberuf: Schattenarbeiter

Vom Internet-Banking bis zur Selbst-bedienungs-Kasse: Große Teile unserer kargen Freizeit verbringen wir nun mit Tätigkeiten, für die einst andere bezahlt wurden. Sind wir nun Sklaven, unbezahlte Hilfskräfte, von Banken, Versicherungen……?

Samstag, 16 Uhr, im Supermarkt. Die Warteschlange wird immer länger, da ein Kunde hektisch nach seiner Scheckkarte sucht, werden schon die Ersten unruhig. Bis schließlich ein Kunde fordert: „Zweite Kassa, bitte!“

Was jetzt folgt ist, der bekannte Sturm auf die nächste Kassa, noch bevor diese besetzt ist. Einige wechseln in einer solchen Situation doch lieber zur noch immer „gewöhnungsbedürftigen“ Selbst-Bedienungs-Kassa oder bestellen das nächste Mal gleich lieber von daheim aus. Aber wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich die Bankgeschäfte erledigen. Jetzt beginnt eine Nutzungs-Spirale zu wirken. Der Steuerausgleich ist wahrscheinlich der nächste Schritt, dann die Urlaubsbuchung, das IKEA-Regal bestellen…So bringt man die „freie“ Zeit auch zum Vergehen. Ob man die dann noch Freizeit nennen kann, ist fraglich.

„SCHATTENARBEIT“ nennt der US-amerikanische Soziologe Craig Lambert, in seinem Buch, das Phänomen, dass der Kunde in seiner Freizeit und auf seine Kosten immer mehr Arbeit selbst erledigt, die früher andere verrichteten: „Zur Schattenarbeit zählen all die unbezahlten Tätigkeiten, die wir für Unternehmen und Organisationen übernehmen“.

Unbezahlt, darin liegt der Vorteil. Nicht für den Kunden freilich, sondern vor allem für die Unternehmer. Obwohl gewisse Schattenarbeiten die eine oder andere Warteschlange (z.B. bei Ämtern) ersparen, gilt doch nicht immer: Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, dann mach es doch selbst. Sonders eher: Wenn du willst, das etwas richtig gemacht wird, dann mach es selbst. Dann versuch es zuerst beim Automaten, bekomme einen kleinen Nervenzusammenbruch und lasse dir schließlich von einem Mitarbeiter helfen. Egal, ob es die Selbstbedienungskassa im Supermarkt ist, die streikt, weil man versehentlich die Waren nach dem Scannen nicht auf die Waage gelegt hat, oder …im Endeffekt kann man sich hilfesuchend an den Mitarbeiter Wenden, der das ungelenke Spektakel beaufsichtigt.

Während die Schattenarbeit vor Ort fallweise noch fachlich begleitet wird, ist in der nächsten Stufe der arbeitende Kunde im „Home-Office“ auf sich allein gestellt. Klappt die Flugbuchung über die Meta-Suchmaschine nicht, klickt man sich bei manchen Anbietern verzweifelt durch FAQs und Impressen auf der Suche nach der Hotline. Schließlich konsultiert man resignierend das Schwarmwissen der Online-Foren.

„Es ist eine Strategie, nicht erreichbar zu sein“, sagt Gerd Voß, emerit. Prof. für Techniksoziologie in München. „Kunden werden an andere Kunden verwiesen und sollen sich untereinander helfen. Das ist ein neuer Aspekt.“

Diese Hilfe muss man sich aber erst einmal zusammenrecherchieren und nicht immer sind die Quellen zuverlässig. Und schon wurde aus einer vermeintlich bequemen Zeitersparnis eine stundenlange digitale Odyssee. Damit die Selbstbedienung in weitesten Sinn wirklich Zeitersparnis bringt, braucht der Konsument die nötigen Fähigkeiten. Es reicht längst nicht mehr, bloß die eigene Kaufkraft beizusteuern. „Das Risiko, Fehler zu machen, zum Beispiel beim Internet-Banking, ist erheblich“, meint Prof. Voß. „Man muss sich auskennen mit Banking und Technologie. Außerdem muss man die Technologie erst einmal besitzen und up to date halten. Ist auch nicht gerade billig“.

Da die Schattenarbeiter aber leider keine Hilfe haben, müssen sie ihre Produktionsmittel, also Laptops, Software und vornehmlich Smartphones aus eigener Tasche finanzieren und in Schuss halten – und ihre Überstunden werden auch nicht ausbezahlt.

Allerdings muss man stark unterscheiden zwischen der Do-it-yourself-Bewegung, die sich auch in den letzten Jahren (durch massive Werbung) immer durchgesetzt hat, und einem scheinbaren Selbermachen in Form einer Schattenarbeit, wobei nicht wirklich etwas selbst produziert, sondern bloß Gratis-Arbeits-Kraft für jemand anderen ist. Weil aber DIY zum Lifestyle-Schlag-Wort geworden ist, ist es als solches mittlerweile ebenfalls ökonomisch verwertbar, wie unzählige Häkelblogs oder You Tube-Channels zeigen. Hobbys sind dank unzähliger Möglichkeiten der Selbstvermarktung zur potenziellen Einnahmequelle geworden.

Das der „arbeitende“ Kunde freiwillig und ohne Murren seinen “unbezahlten Dienst“ antritt, hat laut Prof. Voß vor allem mit einem Wertewandel vor allem Ende1960er zu tun. Der Ruf nach Selbstbestimmung und Entscheidungshoheit wurde immer lauter. Wichtig für den weiteren Verlauf dieser Entwicklung war mit Sicherheit die schwankende Wirtschaftsordnung, die vor allem Großbritannien und die USA Mitte der 70er fürchterlich beutelte und Fernost zu Exportkaisern hochspülte. Inflation auf der einen Seite, immer lautere soziale Aufschreie und vor allem der Vietnamkrieg auf der anderen Seite: „Das war die Chance, auf die neoliberale Ökonomen gewartet hatten. Ihre Ideen strömten sofort in das, wirtschaftliche Vakuum, das den beiden Regierungen so zu schaffen machte“, schreibt Shoshana Zuboff in ihrem Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“.

Die wachsende Individualisierung wurde der „neuwirtschaftlichen“ Idee des Individualismus, der (absoluten) Verantwortung des Einzelnen über seine Wettbewerbsfähigkeit gefügig gemacht.

Im Laufe der Zeit kippte der Ruf nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit also über zu „fremdbestimmter Selbstbestimmtheit“ und wurde letztlich zum wirtschaftlichen Geniestreich.

Nicht ohne Grund nennt man sie die Generation SLASH (im Sinne von Schrägstrich, die nicht mehr nur Tischler ist, sondern Tischler/DIY-Blogger, Gärtner/Hobby-Häkler. Das hier Arbeit und Freizeit fast nahtlos ineinander übergehen, erinnert wiederum an das Konzept der Schattenarbeit „unsere Arbeitswelt hat sich fast vollständig entgrenzt“, meint Prof. Voß „Arbeit und Freizeit verschwimmen immer mehr.“

Allem Selbermachen und Schattenarbeiten zum Trotz scheint das Bedürfnis nach persönlicher Betreuung heute aber auch nicht ausgestorben zu sein. Nur muss man es extra dazu buchen und auch dementsprechend entlohnen. So hat man z.B. bei IKEA die Wahl – für einen erworbenen Wandschrank  – sich einen halben Tag mit der spartanischen Gebrauchsanleitung herumzuschlagen, für den man erstaunlich wenig bezahlt hat, oder sich für 49 Euro Grundpauschale plus 20 Prozent vom Warenwert diesen von einem Profi montieren zu lassen.

„Auf der einen Seite verschwindet das Service und die Kunden müssen es selbst machen“, sagt Prof. Voß „auf der anderen Seite bekommt man jede Betreuung, wenn man bereit ist, dafür zu zahlen. Service ist zum Luxus geworden.“ Würde man aber statt Geld in Geld in Zeit rechnen, wäre wahrscheinlich die Variante mit der Servicepauschale doch um einiges günstiger.

Aber letztlich ist die Frage nach der Schattenarbeit auch eine Generationsfrage, wenn es um digitale Schattenarbeit geht. Denn die sogenannten „Digital Natives“ gehen meist um einiges souveräner mit der Technik um als ihre Digitalen-Neandertaler-Vorfahren, die nicht-Internetindigen sind.

Laut einer Studie vom Februar 2018 nutzen bereits mehr als 55% der 18- bis 24- jährigen mobiles Banking vom Smartphone aus. Bei den über 55-Jährigen verwenden es nicht einmal zwanzig Prozent. Noch ältere Personengruppen werden in dieser Statistik nicht mehr erwähnt.

Die Frage für die Zukunft wird also wahrscheinlich weniger den Nerven und Zeit raubenden Aspekt der Schattenarbeit betreffen, sondern vor allem den stark veränderten Arbeitsbegriff an sich und die BEWUSST-MACHUNG, dass die “scheinbare Selbstbestimmtheit“ der einen die „Gratis-Arbeitskraft“ der anderen ist.

Quo Vadis  – Freizeit + Freiheit

Quelle: Alles muss selber machen – Viktoria Klimpfinger, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus – Shoshana Zuboff
DIY-Do lt Yourself