VbF - Verband betrieblicher Führungskräfte | Burnout – Verlorene Seelen
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Burnout – Verlorene Seelen

Burnout – Verlorene Seelen

„Burnout – Verlorene Seelen“

Burnout ist ein Krankheitsmodell, in dem sich immer mehr wiederfinden, ein umstrittenes Forschungsfeld und großer Wachstumsmarkt. Aufmerksamkeit bekommt das Phänomen immer dann, wenn Prominente betroffen sind.

Gehen Sie mit Widerwillen an die Arbeit? Reagieren Sie auf nichtige Anlässe gereizt? Sind Ihnen Ihre Kollegen gleichgültig geworden? Fühlen Sie sich kraftlos und erschöpft? Stecken Sie in einer Krise, aus der Sie keinen Ausweg mehr finden?  Und so weiter, und so weiter, …..

Millionen Berufstätige haben solche Fragebögen in den letzten Jahrzehnten ausgefüllt. Einfach nur für sich selbst oder für Studien, die oft weniger der Forschung dienen, als Betroffene zu keilen. Mitgeteilt werden dann oft erschütternd hohe Prozentsätze von Menschen, die „innerlich gekündigt“ haben oder den Stress am Arbeitsplatz nicht mehr bewältigen.

Seriöse Arbeits-Mediziner gehen davon aus, dass zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Berufstätigen von Burnout gefährdet sind. Wie viele tatsächlich durch eine fatale Kombination aus überzogener Erwartung, hoher Belastung und unerfülltem Einsatz ihre Arbeitsfähigkeit einbüßen – sei es vorübergehend oder dauerhaft – wird aber seriös bisher nirgends erfasst.

Die gesellschaftliche Anerkennung des „diffusen“ Erschöpfungs-Syndroms variiert zwischen Ländern und Branchen. „In Sozial- und Gesundheitsberufen haben ´Eigene Erfahrungen` mit Burnout früher quasi zum guten Ton gehört“, schreibt ein Hamburger Psychologe in seinem Artikel. „In den USA habe das Thema schon um 1980 Furore gemacht, in den europäischen Medien einige Jahre später – und ca. alle 15 bis 18 Monate aufgewärmt“.

Alles deutete auf Burnout, so M. Burisch, als ein hoher deutscher Politiker vor einigen Jahren überraschend den Parteivorsitz räumte. Doch das B-Wort wurde von dem überarbeiteten Politiker und seiner Partei tunlichst vermieden. Vielleicht auch, weil die Boulevard-Presse einen bekannten Fußballer und einen Spitzen-Skispringer nach deren Burnout-Outing wochenlang durch den Kakao gezogen hatte.

In der heimischen Personaler-Szene sei das Problem dagegen so „abgelutscht“, dass viele abwinken, berichtet  ein Arbeitspsychologe. Angesichts des steigenden Kostendruckes seien nur sehr wenig Firmen, bereit ernsthaft in die Burnout-Prophylaxe zu investieren. Da leider viele „Berater“ allzu oft das Blaue vom Himmel versprechen.

Einiges spricht dafür, dass Stressbelastungen und Burnout in Österreich zunehmen, doch die Statistiken geben nur Indizien her. Dass sich der Krankenstand aufgrund psychischer Belastung im letzten Jahrzehnt verdoppelt hat, liegt aber auch daran, dass der Gang zum Psychiater nicht mehr negativ bewertet wird wie früher. Das sprunghafte Anwachsen der Frühpensionierungen wegen psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren ist auch damit zu erklären, dass in der Zwischenzeit andere Wege in Vorruhestand erschwert worden sind. Zwei Trends lassen sich aber erkennen: Psychische Erkrankungen sind heute die Nummer eins

Für die vorzeitige Pensionierung von Angestellten und Frauen – bei ihnen liegt der Anteil beinahe doppelt so hoch wie bei Männern. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern sind in der Burnout-Forschung sind aber wissenschaftlich kaum ausgeleuchtet. Als ihre Geburtsstunde gilt der im Jahr 1974 erschienene Artikel des Psychoanalytikers H. Freudenberger: „Staff burn-out“.  Das Syndrom ist freilich älter, wenn nicht uralt. Ludwig Wittgenstein, der sich mit hohem Engagement als Landlehrer versuchte und nach sechs Jahren verbittert und entnervt aufgab, bei ihm würde man heute Burn-out diagnostizieren.

Auch die Literatur kennt ihre prominenten Fälle mit Senator T. Buddenbrook in der Familien-Saga von Thomas Mann. Der Titelfigur in Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden oder den frustrierten Architekten, der sich in Graham Greens Erzählung A burnt-out case nach Afrika einschifft , um dort zu sterben. Wer will, wird auch sogar im Alten Testament fündig: in der Schilderung des Propheten Elias, der „beim ersten Anzeichen einer drohenden Niederlage in tiefe Verzweiflung stürzt, den Tod herbei wünscht und in einen tiefen Schlaf verfällt“.

Einen Vorläufer hat Burnout in der NEURASTHENIE. Auf Vortragstouren quer durch Europa verbreitete der New Yorker Arzt Georg Beard im späten neunzehnten Jahrhundert das von ihm erfundene Leiden, welches er als High-Technik-Mediziner der ersten Stunde mit Stromstößen behandelte. Die angeblich selbst durch Reizüberflutung verschaffte vielen Wohlhabenden eine gesellschaftliche Auszeit im Sanatorium. Nicht zuletzt dank Burnout boomen heute im deutschsprachigen Europateil viele privat geführte Psychokliniken. Eine von diesen Kliniken, die auch viele EU-Bürger therapiert, versteht Burnout als „Krankheitsmodell“, in dem man sich leichter wiederfinden kann, als wenn es heißt „Depression“. Problematisch wird es aber dann, wenn dort erklärt wird: die Batterie sei leer und man müsse nur aufladen, um wieder voll einsatzfähig zu sein, statt den Arbeitsdruck und die Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben.

Die Kultur-Anthropologin Ina Rösing weist darauf hin, dass Burnout nicht in unserer Arbeitswelt vorkommt, sondern auch in den Anden. Die Ursachen sind dort andere, die Symptome aber sehr ähnlich. Seelenverlust nennen es die Indos, und das ist dort eine legitime Krankheit. Der Kranke wird dort eine Woche von allen Pflichten entbunden, von der Familie umsorgt, es werden Gebete gesprochen und jede Nacht ist der Medizinmann da. „Es wird alles getan, um die Atmosphäre zu schaffen, in der sich Selbsthei-lungskräfte entfalten können“, so Rösinig, „aber auf Burnout- Kongressen kommen Selbstheilungskräfte gar nicht vor. Es geht nur darum, in welchen Fällen man Knopf A drückt oder Faktor B ändert.“ Die einschlägige Forschung empfindet Rösinig als „verengt und ideenlos“. Ins gleiche Horn stößt Mathias Burisch, der die anhaltente Art von „Fragebogenstudien“ anprangert. Immerhin sind einige „Glaubenssätze“ der früheren Forschung widerlegt: Es sind nicht nur Idealisten, die zum Ausbrennen neigen, sondern Menschen, die unrealistischen Erwartungen, Träumen hegen. Es trifft auch längst nicht mehr am stärksten die helfenden oder pädagogischen Berufe.

Bei gemeinnützigen Pflege- und Hilfseinrichtungen in Österreich hat ein Psychologe ein verringertes Burn-out-Risiko ermittelt, „weil das Problembewusstsein vorhanden ist“, Manager und Führungskräfte werden zwar oft genannt, sind aber nur durchschnittlich betroffen, weil sie ihren Druck durch Handlungs- und Entscheidungsfreiräume ausgleichen können. Unter Sinnverlust an der Arbeit leiden öfter als erwartet – Arbeiter und Teilzeitkräfte. Die bislang höchsten Frustwerte, hat der gleiche Psychologe, vor einigen Jahren bei Polizisten in einer österreichischen Landeshauptstadt ermittelt.

Quelle:
Mathias Burisch:  Das Burnout- Syndrom, Theorie der  inneren Erschöpfung“
Ina Rösinig: Ist die Burnout-Forschung ausgeprangt
M. Marwitz: Die Burnout-Epidemie